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LVZ über die Stadtkarawane
Donnerstag, 03. November 2011 um 13:47 Uhr

 

Sarah Bornemann


Stadtkarawane unterwegs .

Müde Füße und muffige Busse, hier ein Foto, da ein Souvenir und unendliche viele Jahreszahlen - Sightseeing kann langweilig sein. Zwei Studentinnen wagen deshalb das Experiment: Bei der alternativen Entdeckungstour „Stadt Karawane" lernen sie nicht nur ihre Stadt, sondern auch ganz besondere Leipziger kennen. Campus Online hat die beiden bei ihrer Expedition begleitet.

Foto: Beke Schulmann Tobia und Madeleine sind
auf dem Weg zu ihrem ersten Gastgeber.

Einen Stadtplan, ein Gruppenticket für die Straßenbahn und den Ablaufplan - das ist alles, was Tobias Harnisch (22) und Madeleine Berger (23) von den Organisatoren der Stadt Karawane in die Hand gedrückt bekommen. Damit sollen die KMW-Studentinnen die Stadt auf eigene Faust erkunden. Der erste Gastgeber erwartet sie um 12 Uhr 50, sie müssen nach Schönefeld in die Stöckelstraße. Dort,

 

Noch wissen sie nicht, was sie im Hare Krishna-Tempel erwartet Dort im Leipziger Hare Krishna-Tempel, werden Tobia und Madeleine den Mönch Sadbhuja treffen. Die Freundinnen sind aufgeregt. „So jemanden würde man normalerweise nie kennenlernen", sagt Madeleine. Noch wissen sie nicht viel über die religiöse Bewegung, die von manchen als Sekte bezeichnet wird - außer, dass ihre Mitglieder orangefarbene Kleidung tragen und „Hare Krishna" singen.

Während Tobia und Madeleine aufbrechen, räumen Hannes Raßmann, 22, und Cristina Gutu, 24, die Kaffeetassen zusammen. Sie sind zwei der sieben befreundeten Studenten, die das Projekt Stadt Karawane vor einem Jahr entwickelt haben. Bevor die Teilnehmer zur ersten Station aufbrechen, erklären die Organisatoren ihnen in ihrer WG bei einem gemeinsamen Kaffee oder Tee das Konzept der Tour. Und das lautet so: Als Gastgeber öffnen Urleipziger und Zugereiste der Karawane ihre Türen und geben einen Nachmittag lang einen Einblick in ihre Wohnung, ihr Leben, ihre Welt. „Dabei soll natürlich auch ein Dialog entstehen", sagt Hannes. Cristina ergänzt: „Wir wollen Teilnehmern und Gastgebern die Möglichkeit bieten, verschiedene Lebenskonzepte kennenzulernen." Zum Beispiel das Lebenskonzept eines Mönchs.

 

 

Krishna Tempel in leipzig

Auf Socken in den Tempel

Im Hinterhof von Haus Nummer 60, einem unscheinbaren grauen Altbau, steht die Haustür offen, doch sicherheitshalber klingelt Madeleine. Langsam steigen sie die Treppe hinauf. In den ersten Etagen haben Physiotherapeuten und Ärzte ihre Praxen, im dritten Stock steht „Bhakti-Yoga-Zentrum" an der Tür. Ein barfüßiger junger Mann mit rasiertem Schädel bittet die Karawane herein. Die Schuhe müssen die Gäste ausziehen, dann bietet er ihnen Wasser aus einer silbernen Karaffe an. Tobia und Madeleine sehen sich um. Der Tempel ist eine spärlich Foto: Beke Schulmann Der Mönch Sadbhuja erklärt der kleinen Karawane
im üppig geschmückten Tempelraum die Grundlagen seines Glaubens.
eingerichtete Wohnung mit Parkettboden, Stoffbordüren schmücken die grünen Wände im Eingangsbereich, die wenigen Möbel sind schlicht. Es ist warm und riecht schwach nach exotischen Gewürzen.

 

 

 

Dann betritt ein schlanker Mann in einem orangefarbenen Wickelkleid den Tempel. Sein Kopf ist kahlgeschoren bis auf ein kleines Zöpfchen am Hinterkopf, er trägt eine randlose Brille und einen hellbraunen Strich auf der Stirn - Tonerde aus dem Ganges. Es ist Sadbhuja Dasa, der Leiter des Tempels. Er begrüßt die kleine Reisegesellschaft herzlich und bittet sie, ihm zu folgen: „Ich zeige euch erst mal den Tempelraum, unser Herzstück." Bedächtig öffnet der Mönch eine dunkle Holztür. Der Duft von Räucherstäbchen dringt aus dem Zimmer, in dem alle Wände orange gestrichen sind. Tobia und Madeleine folgen ihm auf ihren bunten Socken. Sadbhuja verneigt sich vor dem hölzernen Altar, auf dem Bilderrahmen mit hinduistischen Heiligen und prunkvolle Statuen stehen, nimmt ein paar Sitzkissen von einem Stapel in der Ecke und setzt sich auf den Boden.

 

 

Krishnas Küche

 

„Gott hat viele Namen"

Ein großes Reliefgemälde zweier tanzender Gottheiten, die bunte Kleidung tragen, hängt über dem Altar. Daneben ist ein Spruchband mit dem „Hare Krishna"-Mantra angebracht. Die Freundinnen setzen sich auf die Kissen, während Sadbhuja beginnt, mit ruhiger, gedämpfter Stimme zu sprechen. In der Hare Krishna-Bewegung gehe es nicht so sehr um Glauben, sondern um Erkenntnis.

Foto: Beke Schulmann Der Mönch Sadbhuja mit Tobia
und Madeleine in der Tempelküche Ziel sei es, wahres Glück zu erlangen. Dabei solle  man sich nicht auf weltliche Dinge konzentrieren, da dies keine Erfüllung bringe, sondern auf Gott. „Gott hat viele Namen", so Sadbhuja, „Allah, Christus, Buddha. Krishna ist ein Name für Gott." Hare steht dabei für den weiblichen Aspekt Gottes. Wenn die Menschen verstünden, dass sie alle Brüder und Schwestern sind, gäbe es keinen Krieg mehr, sagt der Mönch lächelnd.
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Früher studierte Sten Börnig-Schmidt, wie Sadbhuja eigentlich heißt, in Leipzig Erziehungs- und Sozialwissenschaft - „aber das hat mich nicht glücklich gemacht", erklärt er. Auf einer Reise durch Asien erkannte er, wie unwichtig Kleidung, Autos und Karriere sind: „Die Menschen dort haben nichts, aber sind in Harmonie mit allem." Zurück in Deutschland erlebte er einen Kulturschock. Zwei Jahre lang verbrachte er deshalb als Aussteiger in einem Wald. Als er zum ersten Mal in den Veden, der Grundlage der Krishna-Bewegung, las, setzte sich für ihn ein Puzzle zusammen. Dass er zu Krishna-Anhängern auf einen Bauernhof in den Bayrischen Wald zog, ist jetzt 12 Jahre her. Wie seine Eltern das fanden, wollen Tobia und Madeleine wissen. „Am Anfang haben sie voll die Krise gekriegt", schmunzelt der Mönch. Mittlerweile hätten sie sich jedoch viel von seiner Lebensweise angenommen.

 

Eat, pray, loveeat pray love

Im Leipziger Tempel, den Sadbhuja und zwei Freunde vor fünf Jahren gründeten, leben zurzeit sieben Mönche ein einfaches, aber scheinbar zufriedenes Leben. Meditieren, singen und tanzen, in den alten Schriften lesen und diskutieren, so sieht ein Tag im Tempel aus. Die Mönche verzichten auf Fleisch, Drogen und Alkohol sowie außerehelichen Sex und singen täglich 1728-mal, also fast zwei Stunden lang, das Hare Krishna-Mantra. Orange ist dabei die Farbe der Entsagung. Die Haare tragen sie aus hygienischen Gründen kurz, den Zopf, um das Energiezentrum am Hinterkopf zu schützen - und zur Erkennung, erklärt Sadbhuja. Betten gibt es im Tempel keine, die Mönche schlafen auf Isomatten, und auch Stühle sucht man selbst im Frühstücksraum, den der Mönch seinen Gästen nun zeigt, vergebens.

Foto: Beke Schulmann Sadbhuja lädt seine Gäste zum Meditieren ein.
Zu den Klängen des Harmoniums singen Tobia und Madleine leise "Hare Krishna".

In der gegenüberliegenden Küche stellt er Tobia und Madeleine traditionelles indisches Essen auf silbernen Tellern zusammen. Es gibt Salat, Joghurtsoße, geriebene Äpfel und Möhren mit Rosinen und selbst gebackenes Brot. Als Nachtisch bekommen die Freundinnen die typischen Energiebällchen und eine Art Nougat. „Vor zwei Wochen hatte Krishna Geburtstag, da haben wir 120 verschiedene Gerichte gekocht", erzählt Sadbhuja. Ihren Lebensunterhalt finanzieren die Mönche durch Spenden sowie den Verkauf von Büchern und vegetarischen Speisen auf Festivals. „Wir sind berühmt für unser leckeres Essen!" Auch Tobia und Madeleine schmeckt es.

Bevor die Karawane weiterzieht, möchte Sadbhuja noch mit seinen Gästen meditieren. „Seid einfach für einen Moment im Hier und Jetzt." Er setzt sich auf den Boden und spielt ein summendes Instrument, das aussieht wie ein kleines Klavier - ein Harmonium. „Ich singe einmal vor, dann könnt ihr mitsingen", sagt der Mönch und schließt die Augen. „Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare." Leise lesen Tobia und Madeleine die Worte von dem Spruchband ab. Die Schwingungen des Harmoniums beruhigen, Sadbhujas Stimme klingt warm und sanft. Es ist fast ein bisschen schade, dass die Stadtentdecker nun schnell zum nächsten Gastgeber müssen.


 

 
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